365 + X Tage mit Jesus

Die ganze Zeit hatte ich ein Gefühl, dass ich meine Geschichte- meine godstory- aufschreiben solle. Aber fange ich vorne an:

In einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, sträubte ich mich schon in jungen Jahren, gegen die von meinen Eltern nur nach aussen gezeigte Frömmigkeit. Dieses Sonntagsmorgens-Pflichtprogram, hübsch zurecht gemachte Kinder, die schön brav mit in den Gottesdienst zu gehen hatten, indem der eigene Vater als bester Freund des Pfarrers mit auf der Kanzel stand, prägten meine erste Zeit. Es half alles nichts, die Fassade der katholischen Lehrersfamilie, in der es hinter der Fassade mächtig kriselte, durch unzählige Affären des Vaters, wurde um jeden Preis aufrecht erhalten. Ich war lange Zeit Messdiener, hatte aber überhaupt keine Beziehung zu Gott, er war mir völlig fremd. Es war einfach ein Einhalten von Ritualen in der Institution Kirche- aber keinerlei Leben von Jesus in mir.

Mit 15 Jahren trifft es mich wie der Blitz: Mein Vater 51 Jahre alt, meinLehrer, mein authoritärer Kopf erkrankt an einem ganz seltenen Gehirntumor. Er stirbt nach erfolgloser Operation bei uns daheim nach nur 4 Monaten. Bei mir geht das Licht aus. Ich verstehe die Welt nicht mehr. In der schwierigen, unsicheren Teenagerzeit brauche ich meinen Vater, wie nie zuvor. Er gibt mir doch Halt und hat trotz seiner unmöglichen Liebesgeschichten immer einen guten Rat für mich. Mir wird völlig der Boden unter den Füssen weggezogen und ich schlage unsanft auf.

Meine Mutter verschwindet für mich in Nervenzusammenbrüchen und Depressionen, und ist mit ihren 41 Jahren plötzlich auch nicht mehr für mich da. Meine ältere Schwester und ich versuchen den Schmerz hinunterzuschlucken, die ganz Kleine ist erst 5 Jahre alt.

Wir hätten jemanden gebraucht, der mit uns die Trauer, die Wut und die Enttäuschung verarbeitet- Fehlanzeige.

Das erste Mal in meinem Leben rede ich persönlich mit Gott! Aber sehr, sehr unverschämt. Ich beschuldige ihn grausam zu sein und mir meinen Vater genommen zu haben. Ich gehe nicht mehr in einen Gottesdienst, kann kein Kirchengebäude aushalten, zur Beerdigung meiner Grossmutter melde ich mich krank- bloss keinen Friedhof mehr erleben müssen! Im Scherz sage ich, dass ich zu meiner eigenen Beerdigung nicht antreten werde- aber ich meine es nicht lustig. Bis zum heutigen Tag bin ich auf keine Beerdigung mehr gegangen.
Vor Kummer flüchte ich mich in meine Matura und den Sport, trainiere 5 mal in der Woche und jobbe in einer Konditorei. Wie sehr doch Arbeit einen Menschen ablenken kann, ich betrüge mich selber und laufe davon. In dem Cafe lerne ich schnell ein Maskentragen. Obwohl es in mir anders aussieht, tut mir das Abtauchen in eine andere Welt eine Zeitlang gut. So bin ich weg von daheim, dort sind nur noch Tränen, ich kann es nicht mehr ertragen.

Meine eigenen sollen erst fast 30 Jahre später hervorquellen....

Auch ich stürze mich in Beziehungen, zerbricht eine, suche ich mir möglichst schnell eine Neue. Alleinsein und Trennung wird bis heute zu einem Riesenproblem.

Nun folgt meine Ehe- und Familienzeit, inzwischen haben wir 5 Kinder zwischen 7 und 18 Jahren, von Jesus weit und breit keine Spur!

Achtmal ziehen wir mit meinem Mann beruflich um, das kostet sehr viel Kraft. Am neuen Ort begegnen mir schnell wunderbare Menschen, Andrea und ihre Familie. Auf unserem Gemeinschaftsspielplatz schaue ich in eine Kinderwagen- nach einer gerade überstandenen Fehlgeburt eine Herausforderung- und sehe beim Aufblicken in Andreas Augen. Ich bin eigenartig berührt, soviel Wärme und Liebe strahlt sie aus.

In der nächsten Zeit erzählt sie mir von ihrer Gemeinde und von Jesus, ich will da gar nichts von hören. Sie lädt unsere Kinder unverbindlich in eine Bibelstunde und eine Osterkinderwoche ein. Die Kleinste geht mit ihren 4 Jahren hin, sie sucht dringend neue Freunde .Immer öfter fragt mich meine Tochter Sachen aus der Bibel, die ich nicht beantworten kann. Langsam werde ich nachdenklich, als Mutter muss man doch auf die Fragen der Kinder eine Antwort wissen!

Nach meiner Hüftoperation 2005, gibt mir die hartnäckige Nachbarin erste christliche Literatur. Nun hätte ich Zeit, aber ich will mich mit solchen Glaubensdingen nicht beschäftigen.

Im Herbst 2007 werden dann die Weichen endgültig gestellt. Nach einem Frauenspaziergang, lädt sie mich zu einem Alphalivekurs ein. Ich habe keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse- es soll die Wende in meinem Leben sein!! DANKE liebe Freundin!

Dienstagsmorgens ziehen wir mit unseren kleinen Kindern in die FEG Gwatt. Die Betreuung ist super, ebenso das tolle Frühstück, eine Oase für eine viel beschäftigte Mutter.

Die beiden ersten Treffen ziehen vorbei, beim dritten ist das Thema : Beten. Alle Frauen haben so ihre Erfahrungen. Als ich an die Reihe komme, platzt es aus mir heraus: „ Hilfe, ich glaube noch nicht mal an einen guten Gott, wie soll ich da zu ihm beten, für mich existiert er gar nicht!! Er ist grausam, unfair, hat mir meinen Vater so früh weggenommen. Von einem guten, barmherzigen, gnädigen, treuen, gerechten und liebenden ABBA habe ich noch nichts gespürt.“ Einige meiner aufgestauten Tränen kommen hervor, aber niemand schaut mich ablehnend oder kritisch an. Pastor Harry Pepelnar meint, Gott würde mich in meiner Wut hören und mir antworten. Na, was soll ein Pastor mir schon anderes antworten, Gott ist ja wohl sein Tagesgeschäft, denke ich im Stillen. Wie man sich täuschen kann!

Aber irgendetwas in mir ist aufgewacht. Beim nächsten Gruppentreffen hoffe ich auf kranke Kinder oder sonstige Ausreden. Ich gehe dennoch, Andrea holt mich ja ab- nur Nichts anmerken lassen- das Maskentragen habe ich ja gut gelernt. Werde immer aufgewühlter, meine Tränen wische ich hoffentlich unbemerkt weg. Setze mich ganz schlau immer nach hinten, da sieht es wohl niemand.
Der Alphalivetag kommt, es ist der 39 Geburtstag von Andrea. Na, wenn sie schon ihren Geburtstag opfert und teilnimmt, dann kann ich nicht kneifen. Mal ein freier Tag, mein Mann arbeitet die Woche über ausserhalb und somit ist ein solcher Tag für mich als quasi alleinerziehende Mami mit 5 Kindern der pure Luxus. Es soll ein ganz Besonderer werden- aber davon ahne ich nichts.

Ich habe ein komisches Gefühl im Bauch, mein Ehemann ist missmutig und ich fühle mich unwohl beim Wegfahren.

Der Samstag verläuft ohne grosse Besonderheiten, bis zu dem Augenblick, an dem die Teilnehmer ein Blatt in die Hand bekommen, auf dem das Kreuz als Brücke zu Gott dargestellt ist. Wir werden aufgefordert, unsere Position einzuzeichnen; alle setzen sich auf die Terrasse.

Aber ich weiss nicht, wie mir geschieht: Unzählige Tränen tropfen aufs Papier und ich merke, dass ich ein unendlich langes Papier bräuchte, um mich einzuzeichnen. Ich bin so weit weg vom Vater im Himmel. Oh je, welch ein Nichts bin ich, nicht wert, dass er mich auch nur ansieht, ein totaler Sünder! Ich kapituliere völlig. Ich habe den Eindruck, Gott sieht genau auf mich herab, wie ich da so verzweifelt und völlig fertig auf meinem Stuhl hin- und herrutsche.

Als die Seelsorgerin mich hineinruft, frage ich zweifelnd: „ Wieso freut ihr euch nur alle so auf den Himmel? Ich will da gar nicht hin, ich bin hier so wichtig!“ Sie sagt mir, sie könne mir den Weg zu Gott zeigen, ich könne dies aber nur, wenn ich über den Glauben zu Jesus Christus und seine Tat am Kreuz zum Vater im Himmel ginge. Dies sei die Brücke über das Kreuz hin, zum treuen Gott. Sie fragt mich, ob sie für mich beten solle, ich nehme dankbar an. Sie betet und liest mir 1. Joh. 5,12: Wer an den Sohn Gottes glaubt, hat das Leben. Wer aber an den Sohn Gottes nicht glaubt, hat auch das Leben nicht. Diese Erkenntnis trifft mich in meinem innersten Ich und von dort aus breitet sich eine wohlige Wärme aus, die recht schnell in Hitze übergeht. Sie sagt mir, ich sei nun über diese Brücke gegangen und der Weg zum Vater sei nun frei, durch Gottes unglaubliche Gnade.

Mit wackligen Beinen verlasse ich den Gruppenraum. Ich setze mich auf eine Treppe und augenblicklich wird mir bewusst, dass ich mich taufen lassen muss. Und zwar hier und jetzt!

An nichts Anderes kann ich mehr denken.

Erst als Andrea, ebenso freudestrahlend wie überrascht verkündet, dass wir doch unseren genialen Pastor fragen sollten, schöpfe ich etwas Hoffnung. Tatsächlich kann eine Badewanne organisiert werden, wir sind in einem Hotel zu Gast, und ich freue mich über warmes Wasser. Aber im Nachhinein denke ich, ich wäre auch in einen eiskalten See gesprungen, so brennend war der Wunsch nach der Taufe.

Ich kann nur noch an Eins denken, die Wiedergeburt und ganz ohne Sünde bei Gott sein, nach so langer Zeit halte ich die Stunde fast nicht mehr aus, es tut richtig weh! Darüber, wo sich Frauen sonst Gedanken machen, nämlich die Kleider, herrscht bei mir Leere. Total egal, mit was ich da ins Wasser steige.

Nach einigen Liedern darf ich abtauchen- und gehe in diesem Moment mit Jesus Christus ans Kreuz, sterbe dort und werde beim Auftauchen durch den heiligen Geist wiedergeboren. Jetzt fühle ich mich in jeder Faser meines Körpers mit Jesus vereint und denke ich schwebe, so glücklich bin ich. Es ist wie bei einer physischen Geburt, ich weiss exakt den Tag und die Stunde: 29.März 2008, 19h.

Ich strahle vor Freude, nun bin ich ein Kind Gottes, seine geliebte Prinzessin und ich habe einen Vater, meinen ABBA, der mich bedingungslos und vollkommen liebt. Sorry, lieber Pastor, ich habe dir dein Zeitmanagement an diesem Tag so völlig durchkreuzt.

Wie auf Wolke 7 fahre ich heim. Dort erwartet mich nichts Gutes. Die Kinder hatten nicht ihren besten Tag und mein Mann war überfordert- das tut mir sehr leid! Eigentlich möchte ich all mein Glück aus mir herausschreien, realisiere aber, dass ich es besser hinunterschlucken muss. In meiner ersten Nacht mit Jesus bin ich überglücklich, kann ich mich ganz fest an ihn kuscheln und finde endlich Frieden.

Die Angriffe kommen am nächsten Morgen und sie treffen mich tief. Warum bin ich nur so verletzlich? Es hat mich früher nicht gekümmert, wenn jemand über Christen abwertend sprach.

Mit einem Mal kann ich nachts nicht mehr schlafen, ständig umgibt mich die Angst, es sei jemand im Schlafzimmer. Richtig bedroht fühle ich mich, das unbekannte Etwas macht mir Angst.

Birgit: Willkommen in der Realität! Jesus hat dir kein ruhiges, unbeschwertes Leben versprochen. Er hat dir ein Leben in Fülle verheissen! Schliesslich herrscht hier nicht Himmel auf Erden, das Paradies ist erst dein ZIEL! Und bis dahin kommen noch eine Menge Täler und Berge, jede Menge Tunnel und unendlich dürre Wüsten, aber das highlight ist doch: Du gehst nie mehr allein, auf jedem Schritt hast du das Licht bei dir, das deinen Weg erhellt. Jesus!

In den folgenden Wochen tanke ich mich an jedem Frauenmorgen randvoll mit Gottes Liebe, die Kinderwoche zu begleiten gibt Mut zum Dienen.

Schnell verstehe ich, dass ich mich vor den Angriffen Satans schützen muss, so massiv sind die Attacken. Jetzt bin ich interessant für ihn, er will mich täuschen, zweifelnd machen und mich geschickt belügen, mich vom Weg abbringen. Hätte mir jemand so etwas vor einigen Wochen gesagt, ich hätte es nicht geglaubt. Unfassbar: Das Böse, der Teufel lebt hier und jetzt und ich spüre es hautnah!

Nun lese ich die Bibel, das erste Mal in meinem Leben mit Herz und Verstand und mache einen Mentoringkurs, über Schatten der Vergangenheit.

Innerhalb kürzester Zeit verändere ich mich. Ich kann es nicht verhindern- meine Familie beobachtet es mit Missmut. Die drei jüngeren Kinder kann ich mit meiner Liebe zu Jesus anstecken. Wir beten die Woche über, am Wochenende müssen wir des Friedens Willen unser Christsein verstecken. Sonntagsgottesdienste sind für uns tabu, ich versuche daheim zu dienen und lobe das Internet, so kann ich die Predigt online hören. Danke für die Technik VATER!

Christliche Bücher aus der gemeindeeigenen Bibliothek, die mit viel Liebe geführt wird, sind neben der Bibel meine geistliche Nahrung. Wie ein trockener Schwamm sauge ich die Seiten auf, 44 Jahre machen enorm durstig.

Immer wieder darf ich am Kreuz meinen Ballast abladen- Vater das tut unendlich gut!
Heute freue ich mich auf den Himmel. Aber hier und jetzt freue ich mich, lebt Gott in mir und ich in ihm. Ich freue mich, sein Werkzeug sein zu dürfen und ihm zu dienen. Ich durfte meine Identität in Jesus Christus finden, er erfüllt alle meine Bedürfnisse, nun muss ich sie nicht mehr bei Menschen suchen. Diese Erkenntnis schenkt mir eine ungekannten Frieden, ich bete um Weisheit und Geduld für meine Familie und um ihre Führung zum Herrn.
Eine besondere Erfahrung für mich ist, dass ich im Gebet meiner neuen grossen Glaubensfamilie getragen werde. Das ist für mich überwältigend, solch grosse Liebe zu spüren. So viel Kraft liegt im Gebet füreinander- denkt immer daran!

Gott hat mich ganz bewusst hierher in meine Familie platziert, ich habe seinen Auftrag vernommen und in Jesu Namen nehme ich ihn sehr gerne an.

Heute bist du Herr: Der Chönig vo mim Härz, die Liebi vo mim Läbe, e treui Friedensfürscht und e wunderbare Fründ......


Danke, an die ganze Gemeinde der FEG Gwatt, habt ihr mir auf den Weg geholfen. Ich freue mich auf eine Ewigkeit mit euch allen beim Vater im Himmel.